|
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Projekt FittingLeitung: Prof. Dr. Jürgen Kießling, Universität Gießen
Thema:
Optimierte Anpassungs- und Verifikationsverfahren für Hörgeräte
Beschreibung:
Erstrangiges Ziel dieses Teilprojekts ist es, die Grundlagen für eine differenzierte, individuelle Anpassung von Hörgeräten zu studieren und aufbauend auf diesen Erkenntnissen ein geeignetes Verfahren zur Hörgeräteanpassung für kooperationsfähige Hörgerätenutzer zu entwickeln. Dieses Anpassverfahren soll aus drei Modulen bestehen, die möglicherweise auch separat genutzt werden können:
- Modul 1: Lautheitsbasierte Grundanpassung, wahlweise unter Verwendung der klassischen Hörfeldskalierung mit vorgegebenen Extrempegeln oder der Oldenburger Adaptiv-Hörfeldskalierung, die die Extrempegel adaptiv ermittelt.
- Modul 2: Bestimmung der individuell günstigsten Schrittweite für die Parametereinstellung. Dabei sollen neben den gängigen Basisparametern (Verstärkung, Kompression, Regelzeiten etc.) möglichst auch "Meta-Trimmer" zum Einsatz kommen, die durch gekoppelte Simultaneinstellung mehrerer Basisparameter eine Optimierung von Wahrnehmungsgrößen, wie Sprachverstehen, Klangqualität oder eigene Stimme, ermöglichen.
- Modul 3: Interaktive Optimierung der Einstellparameter im multidimensionalen Parameterraum, durch ein Verfahren, das adaptiv in Richtung des Performance-Maximums konvergiert.
Dieses komplexe Anpassverfahren wird zunächst auf der Grundlage eines in anderen HörTech-Projekten entwickelten, stationären "Master Hearing Aids" (MHA) implementiert. Bisher wurden Daten für das Modul (1) gesammelt und Grundversionen der Module (2) und (3) entwickelt, so dass die einzelne Module des Fitting-Systems gegenwärtig mit Hilfe des MHA in Laborstudien erprobt werden können, um dann schrittweise verknüpft und im Verbund getestet werden zu können. Im nächsten Schritt soll das Verfahren auf einem portablen MHA realisiert werden, um auch Feldstudien durchführen zu können, die für die Beurteilung des Nutzens eines solchen Verfahrens von besonderer Bedeutung sind. Letztlich wird angestrebt, das Verfahren in toto oder in Form von Teilprodukten in kommerzielle Hörgeräte zu implementieren.
Bei den derzeit durchgeführten Labor-Untersuchungen, wie auch bei den zukünftigen Feldtests, steht die Frage im Vordergrund, ob mit einem derartigen Verfahren ein höherer Versorgungsnutzen erzielt werden kann als mit den allgemein verwendeten hörschwellenbasierten Anpassformeln (NAL-NL1, DSL [i/o] etc.). Bei der Betrachtung des Nutzens spielt natürlich auch der Zeitaufwand eine bedeutende Rolle, denn das Verfahren wird nur dann eine nennenswerte Marktakzeptanz finden, wenn es bei erhöhtem Aufwand mehr Nutzen bietet als herkömmliche Prozeduren oder bei gleichem Zeitwand schneller zum Ziel führt. Vordergründig erscheint der Zeitaufwand für das hier entwickelte Verfahren deutlich höher, aber es mag durchaus sein, dass durch das systematische Vorgehen und die durchgängige Individualisierung des Verfahrens zusätzliche Nachanpassungsschritte vermieden oder deutlich reduziert werden können, und damit in der Summe eventuell sogar ein geringer Gesamtzeitaufwand zu Buche schlägt. Ferner dürfen die psychologischen Positiveffekte, die durch die aktive Beteiligung des Hörgerätenutzers erreicht werden, nicht unterschätzt werden.
Die Quantifizierung des Hörgerätenutzens erfolgt u.a. mit einem Fragebogen-Set, das im Verbund mehrerer HörTech-Projekte entwickelt wurde. Zudem wurde für diese Zwecke, in Ergänzung zur konventionellen Sprachaudiometrie und in Anlehnung an bekannte ähnliche Methoden, ein Verfahren entwickelt (HEISS-Test: HörTech-Einpegelung der individuellen Sprachverständlichkeits-Schwelle), bei dem sich die Testperson den Pegel eines Sprachsignals - eine limitierte Zahl bekannter Sätze - bei festem Störschallpegel selbständig so einregelt, dass der betreffende Satz gerade verstanden wird. Das so ermittelte Signal-Rauschverhältnis (versorgter versus unversorgter Zustand) wird als ein Maß für den persönlichen Hörgerätenutzen heran gezogen.
Da der Prozess und der Erfolg einer Hörgeräteversorgung in starkem Maße von Gewöhnungs- und Akklimatisationseffekten beeinflusst und überlagert wird, die Anpassung und Optimierung aus neurophysiologischen und psychologischen Gründen also nicht in einer Sitzung abgeschlossen werden kann, werden flankierend Untersuchungen zum zeitlichen Verlauf der Hörgeräteeinstellungen durchgeführt. Nachdem die Ergebnisse einer retrospektiven Studie gezeigt haben, dass Gewöhnungsprozesse in der hörgeräteakustischen Praxis tatsächlich auftreten, wurde eine prospektive Untersuchung gestartet, mit der diese Prozesse in systematischer Form untersucht werden.
In Ergänzung zur Entwicklung des beschriebenen Verfahrens für kooperationsfähige Hörgeräteträger, soll ein Beitrag zur Verbesserung der Hörgeräteanpassung im Kindesalter geleistet werden. Dazu werden subjektiv und objektiv ermittelte audiometrische Daten von schwerhörigen Kindern, die zur Hörgeräteversorgung anstehen und kooperativ sind, gesammelt. Durch Vergleich dieser Datensätze wird überprüft, ob eine ausreichende Prognose von frequenzspezifischen Gehöreigenschaften (Schwelle und Hördynamik). Im Positivfall sollen die objektiv ermittelten Parameter als Grundlage für eine differenzierte Hörgeräteanpassung bei nicht-kooperativen Kleinkindern genutzt werden. Der Hörgerätenutzen und die Gesamtentwicklung dieser Kinder soll verfolgt und mit einer Kontrollgruppe konventionell versorgter Kinder verglichen werden. Erste Erfahrungen mit tief- und hochfrequenten Chirp-Reizen für Zwecke der Hirnstammaudiometrie (BERA) lassen erwarten, dass mit Chirps frequenzspezifische Schwelleninformationen in ausreichendem Umfang für die Hörgeräteversorgung von nicht-kooperativen Kindern erhoben werden können. Ob auch Hinweise zur jeweiligen Restdynamik objektiv ermittelt werden können und ob damit eventuell Anschluss an das Modul (1) für kooperative Personen gefunden werden kann, ist derzeit noch offen.
|
 |
|